Ich werde erwartet

Seit 2010 arbeite ich beim Besuchsdienst Bern zusammen mit meiner Hündin Kyra. Da ich schon in meiner frühen Jugend an schweren Depressionen erkrankt bin und ein Einstieg in ein normales Berufsleben für mich nicht möglich war, lebe ich heute von einer IV-Rente.

Ich hatte mehrere Klinikaufenthalte und arbeitete auch schon in einer geschützten Werkstatt. Mit den Arbeiten der geschützten Werkstatt konnte ich mich leider nicht anfreunden, sie waren mir einfach zu monoton. Eines Tages sah ich im Fernsehen ein kurzes Portrait über den Besuchsdienst Basel und ich wusste sofort, genau so etwas möchte ich machen, eine Tätigkeit im sozialen Bereich.

Als mein Gesundheitszustand es zuliess, bewarb ich mich beim Besuchsdienst Bern. Im Herbst 2010 begann dann meine Ausbildung zur Besucherin. Die Ausbildung machte mir grossen Spass, obwohl es auch sehr anstrengend war. Ich lernte neue Leute kennen und alles was ich heute in für meine Besuchseinsätze brauche.

Mit meiner Hündin besuche ich nun regelmässig, stundenweise Kunden zu Hause oder in Institutionen. Von meinen Kunden werde ich und vor allem meine Hündin schon freudig erwartet. So vielfältig meine Kunden sind, so verschieden ist meine Arbeit. Von einfach nur einem Schwatz halten, über spazieren gehen, Spiele spielen, vorlesen, Kaffee trinken, einkaufen bis hin zum Arztbesuch oder gar einen Ausflug machen, ist wohl alles dabei.

Das selbständige Arbeiten mit meinen Kunden macht mir richtig Spass, auch wenn es manchmal zu schwierigen Situationen kommen kann, aus denen ich aber sehr viel lerne. Alle zwei Wochen tausche ich mich mit meinen Arbeitskolleg/innen und dem Fachteam aus, wobei natürlich für alle die Schweigepflicht gilt.

Beim Besuchsdienst fühle ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder ernst genommen, da meine Erfahrung mit meiner psychischen Beeinträchtigung beim Besuchsdienst als Ressource angesehen wird. Ich werde als vollwertige Mitarbeiterin wie in einem normalen Betrieb behandelt und doch hat auch einmal eine psychische Krise ihren Platz.

Die Dankbarkeit, die mir meine Kunden entgegen bringen, tut mir richtig gut und ich weiss, ich mache eine sinnvolle Arbeit. Auch den Austausch mit meinen Arbeitskolleg/innen empfinde ich als sehr bereichernd. Da wir alles Menschen sind, die im Leben schon einmal eine schwere Krise durchlebt haben, aber gut damit umgehen können, haben wir ein besonderes respektvolles und ehrliches Arbeitsklima. Das Fachteam begegnet mir auf Augenhöhe und fördert mich sanft, so dass ich mich nicht überfordert fühle. Dank dem Besuchsdienst Bern konnte sich mein Gesundheitszustand stabilisieren. Mein Selbstvertrauen hat merklich zugenommen und ich entwickle wieder Perspektiven. Durch die Arbeit beim Besuchsdienst fühle ich mich endlich wieder als einen Teil der Gesellschaft.

Jeannette Meier